- 3 -

Unschlüssig streifte ich durch nasses Gras. Immer noch barfuß unterwegs. Das saharabraune Schaumgummisitzkissen unter den Arm geklemmt. Die marineblaue Spritzjacke pluderte einem um die Knie. Unentschlossen pendelte das Paddel in der Hand. Die Finger hatten sich vor Kälte verkrampft und die Haut schien rotbläulich gemasert zu sein. Es ging abschüssig zu den Bootsstegen hinunter. Soweit man es aus der Entfernung sehen mochte, gab die Spitzmaus von der Bootshausmauer aus wiederholt einen energischen Wink. Es war, als zögerte ich dann in Richtung der Boote am Stauseeufer weiter zu gehen.

Marco
Götz

Die dunkle Seite des Sees

Erster Teil - Eine Große Fee

High

Roman

©️Marco Götz, 2026


Auf dem Bootsweg sank vor mir eine Hummel zu Boden. In der Herbstkühle sichtlich erschöpft. Sie streifte das Gras, die Halme bogen sich und gaben eine Schneise frei und dann war die Hummel wie vom Erdboden verschluckt, nicht weit vor meinen Füßen. Ich war darauf bedacht den Grasfleck zu umgehen. Und die Hummel nicht unter den nackten Zehen in die ewigen Jagdgründe mitzunehmen.

Ich fand das Boot abseits gelegen. Auf den Bauch gedreht. Es bereitete Mühe, aber es gelang mir die Bootsspitze bis in den Schritt zu hieven. Aus der Sitzluke ergoss sich mäßig ein Wasserschwall. Die Sitzwanne purzelte heraus. Das Stemmbrett hatte sich auch gelöst. Und klapperte im Rumpf herum. Am Bug klebte eine Nacktschnecke. Eine Weitere war Richtung Heck unterwegs. In kosmischer Langsamkeit. In der Flucht gesehen stand die kleine schwarze Flosse am Heck nicht sauber im Wind. Der Rumpf war mit Abschürfungen heroisch gesegnet. Und mit winzigen Teerflecken übersät. Außerdem war das Boot Orange. Mir schoß allmählich die Röte ins Gesicht, das Boot so aus den Angeln zu heben. So wie es mir vor Augen stand, verblasste es dann nie.

Ich war im Schatten des Bootes in Deckung gegangen. Und war ratlos. Weit und breit war niemand zusehen. Ich hatte das Paddel in den Schoß gelegt. Mir fiel auf, die Paddelblätter waren aus hellem Holz zusammengefügt. Ein abgegriffener weißer Stempelaufdruck gab mir ein Rätsel auf: BSG Rotation R. Der Buchstabe R war in Schnörkelschrift ausgeführt. Mit einem Punkt am Fuß. Als ich es anhob war es tatsächlich sagenhaft leicht. Dann begann sich das Paddel wie ein Propeller im Probelauf zu drehen. Vom Wasser her drang ein höhnisches Gelächter heran.

Ich hockte schon geraume Zeit im Schutz des Bootes, als mein Blick dann auf das gegenüberliegende Ufer am Stausee fiel. Es mochte Lichtjahre weit weg sein. Der steinige Ufersaum spiegelte sich fern. Das namenlose Lärchenkreuz. Das Windspiel. Natürlich kaum zu sehen. Eine unscharfe Silhouette erschien, südöstlicher Hand. Und es war, der Hang mit seinen Erscheinungen gab mir eine gewisse Vertrautheit zurück. Zugleich quälte ich mich mit dem Gedanke, mich jetzt noch aus dem Staub zu machen. Jetzt noch. Bevor es in wenigen Augenblicken wohl zum ersten Mal raus aufs große Wasser geht.

Langsam drehte ich das Paddelblatt. Und schaute einer Hummel zu. Sie quälte sich damit, nicht vom Rand des Paddelblattes abzufallen.

Sooft ich mich später einem Boot auch näherte, beschlichen mich dann dunkle Ahnungen. Dann war mir, ich fiele wieder dem Wechselbad der zwiespältigen Gefühle zum Opfer, mit dem ich in diesen Minuten rang.

Ich wagte kaum, mich aus dem Augenwinkel in Richtung Bootssteg umzuschauen. Immer noch kämpften zwei Herzen in meiner Brust, vor dem großen Wasser zu fliehen und als Angsthase gebranntmarkt zu sein, oder in dem orangefarbene Kajak das magische Boot zu sehen, mit dem man niemals untergeht. Ich hockte im Gras, ans Boot gelehnt. Der Boden unter mir geriet heftig ins Wanken.

Es mochte sein und die Gestalt im himmelblauen Trainingsanzug hatte sich von der Bootshausmauer gelöst. Und war bereits im Uferbereich angekommen. Die Spitzmaus stand dann breitbeinig auf dem schwankenden Steg und winkte mich mit einer unmißverständlichen Geste heran, linker Hand.


Wenig später teilte sich das Wasser am orangefarbenen Bug. Unablässig und sanft. Nicht all zu schnell zog ein Wellenschwarm mit mir voran, vom Steg zur Stauseemitte. Bald erblickte ich den Start, südöstlicher Hand.

Minuten zuvor hatte ich mich vom Steg tatsächlich abgedrückt. Das Paddel lag federleicht in der Hand. Das Paddel stecke dann im schwarzen Wasser fest und es war, als zöge das Paddel quälend langsam in Zeitlupe an der Sitzluke entlang. Ich zog mit aller Kraft daran. Der Daumen schrammte am scharfkantigen Plasterand. Es kam zu einem leichten Wellengang. Im Stillen feuerte man mich an. Mit Kraft sagte eine Stimme zu mir. Bis die ersten Paddelschlägen überstanden waren, lief die Sache immer nicht rund. Dann war mir, das höllische Kippeln im Kajak verschwand. Im Übrigen war das Paddel linksgedreht.

Würde nun jemand die Zeit ein paar Tage zurück gedreht haben, da hantierte an einem späten Nachmittag die Spitzmaus An einem orangefarbenen Boot auf dem Bootsteg herum. Man war dabei orangefarbene Boot zu Wasser zu lassen. Ich war der Spitzmaus hinterher gelaufen, und hatte in diesem Moment einen Fuß auf den Bootssteg gesetzt. Ich zögerte. Derweil setzte die Spitzmaus das Boot an der Wasserkante ein, hielt es an der Sitzluke fest und warf einen Blick über die Schulter auf mich. Es schien, ein magischer Blick fiel aus seinen kleinen Knopfaugen und zog mich zu sich heran. Schließlich betrat ich den schwankenden Steg. Welcher augenblicklich unter meine Füßen auf dem pechschwarzen Wasser zu tanzen begann.

Als ich vor dem Boot in die Kniee gegangen war und eine Hand am scharfen Sitzlukenrand hatte, fühlte sich das Boot höllisch kipplig an. Es war, ein rasendes Herz lag in meiner Hand. Mit windelweichen Knien setzte ich mich in dem kippligen Boot wie auf rohen Eiern zurecht. Die Spitzmaus stand breitbeinig über mir. Er ergriff die Paddelspitze. Dann führte er mich am Paddel wie ein Zirkuspony schier endlos im Halbkreis um den Steg herum. Irgendwann drückte er mich aufs offene Wasser weg. Samt Paddel in der Hand. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ich glitt, das Paddel als Balancierstange hilflos vor der Brust,. Es dauerte dann ein paar Wimpernschläge bis ich Baden ging. Fortan beherrschte mich das Gefühl von windelweichen Knien, sobald etwas unter mir ins Schwanken geriet.

Endlich gelangen die allerersten Paddelzüge. Ohne gleich wieder reinzufallen. Allerdings stocherte ich bloß idiotisch im schlammigen Grund herum. Ich kam demnach nicht weit genug vom Stauseeufer weg. An diesem Nachmittag hatte ich auch noch kein sagenhaft leichtes Spartakiadepaddel in der Hand. In diesen Tagen zeigte sich, wie immer ich darüber denken mochte, was jetzt wohl kommen mag, wenig später dachte ich mit keiner Silbe mehr daran. Die Tage vergingen dann.

An diesem Nachmittag lag die Spitzmaus bäuchlings auf dem Steg. Er packte hinterrücks mein Heck, richtete das Boot zur Stauseemitte aus und schob mich aufs große Wasser raus. Ich presste ein wenig die Luft ab. Hielt mich aber über Wasser. Mit vagen Andeutungen der Spitzmaus über den Felsbauch am anderen Ufer im Gepäck.

Irgendwann war ich über die Stauseemitte hinaus. Der Felsbauch lag linker Hand. Am Fuße ein unwegsamer steiniger hellgrauer Uferrand. Der große Felsen, eine Erscheinung auf halber Regattastrecke, von der man sagte, da blähe ein steinernes Segel über dem blauen Meer. Und eine heikle Stelle, wie die Spitzmaus geheimnisvoll befand, an der sich für manch einen ein Rennen vorzeitig entschied.

Rief der Anblick der Felswand nicht immer einen Schwindel wach? Hier, vom Wasser aus? In der Höhe verlief ein schmaler Grat. Und führte einem, war die Stunde gekommen, zum großen Sprung, wie es hieß.

Vom großen Sprung hörte ich ein Erstes Mal, da ich an einem Nachmittag neben der großen Erscheinung mit in die Beeren ging. Wir waren auf verwunschenen Wegen im sogenannten Hopfgarten unterwegs.

Jener Garten lag im Rücken des großen Felsen. Südwestlicher Hand. Vom Wasser aus nicht zu sehen. Hochgelegen, sanft abfallend, von Kahlschlägen gezeichnet, mit Baumstümpfen übersät, staubige Forstwege kreuzten sich, von Ballonreifen zerfurcht, streckenweise ein Hochwaldgebiet, alles in allem ein lückenhaft umzäuntes Wildgehege im Herzen des Stauseegebiets, mit zerbröckelten Einfriedungen darin.

Speziell verhielt man sich hier ruhig, befasste sich mit blutroten Beeren im dornigen Gestrüpp, und lauschte in den Wald. Die große Erscheinung tat nicht weit von mir. In die Sache scheinbar ganz vertieft. Sie hatte sich mit dem graumelierten Bindegürtel ein Aluhenkelkännchen locker an die Hüfte gebunden und hielt mit dem übergestreiften schwarzen Lederhandschuh einen halbabgepflückten Brombeerast elegant. Mit den Italienischen. Fürs Pflücken schien ihr nichts zu schade zu sein. Zwinkerte sie nicht mit dem Auge, links? Und sah einem kurioserweise dabei gar nicht an? Zudem gluckste sie beim Zupfen.

Es blieb mir eine stumpfsinnige Tätigkeit, als die Zeit verrann. Währenddessen versteifte ich mich auf die Idee, endlich nähme mich mal ein Keiler an. Einmal trat ich im Hinterland aus, und stieß tatsächlich auf einen Wurfkessel. Leider verwaist. Unweit davon fiel fahles Licht auf einen halbverfallenen Schauer. Es fand sich ein Stock im Unterholz und ich bahnte mir einen Weg durch Bodengestrüpp. Im Schutze des Schauers eine livgrüne Kiste dann. Mit schwarzen Lettern darauf:NEEVEL MFG. CO. 1942. US.Quer durch den Verschluss gezogen glänzte eine Gewehrpatrone. Projektil silbrig. Hülse messingblank. Ein unversehrter Infanterie Spitz? Entriegelt lagen ein paar unbenutzte Mullbinden darin. Abgesehen davon war die Kiste gähnend leer. Ein Footlocker? Der Fund war beinahe total überwuchert von Brombeergebüsch.

Mit einmal stand die Sonne tief. Die große Erscheinung ließ von den Brombeerästen ab. Mit angehäuften Alumilchkännchen irrten wir durch den zur Neige gehenden Tag. Unweit schien das Gekicher von Nacktbadern auf. Jemand hechtete sich wuchtig in den Stausee rein. Eine helle Stimme kreischte auf. Man hörte geil oder steil. Aber wir streiften immer bloß die Märchenbucht. Ohne irgendetwas davon zusehen.

Dann liefen uns besagte Schatten auf halbversandeten Wegen voraus. Wir bogen westlicher Richtung ab, die Schatten drehten sich, dann folgten sie uns, ein märchenhafter Buchenhain im gedämpften Licht begann. Im Rascheln einiger Blätter schlich ich mich aus dem großen Schatten heraus. Und markierte abseits staubiger Wege das Revier. In der Stille des Buchenhains aßen wir die gehäufelten Beeren auf den Kännchen ab.

Als die Wege kein Ende nahmen, witterte sie immer das mulmige Gefühl in mir. Und schlug ein straffes Tempo an. Ein untrügliches Zeichen, wie ich fand, sich komplett verirrt zu haben. Felsenfest behauptete sie, dort läge ja schon der schmale Grat am Horizont. „Komm“ sagte sie. Erst blinzelte ich gegen tiefstehendes Licht, blieb noch an ihr dran, bald ließ ich die Sache zusehends schleifen.

Sie beugte sich in jenem höllischen Tempo einmal gewagt nach vorn, ohne mal einen Gang runterzuschalten und deutete des Weges einen Felssprung an. Da läge „ein schmales Felsplateau“, behauptete sie, ab dem es nur noch einen Katzensprung hinunter zum Stauseeufer sei. „Nicht sonderlich gesichert. Weißt?“ Mir war, ihr Blick fiel ungebremst in eine Tiefe hinab. Aber sie stürzte vornweg. Und einige mal rannte ich ihr wie ein Berserker hinterher. Mit einem brechendvollen Alukännchen in der Hand.

Auf halber Strecke verlor ich die Lust, blieb nicht mehr dicht an ihr dran, erst bat sie „Komm doch!“, dann hörte ich wieder und wieder, „Komm schon!“ und alsbald ertönte die ewige Leier. Sie war kaum noch im Stande zu verhehlen, dass ihr der Geduldsfaden riss. Tja, dann bummelte man.

Eine Hand behielt sie bei alldem steif in der Manteltasche. Mir fiel in diesen Tagen die Fähigkeit zu, das Versbüchlein auch im Verborgenen zu sehen. Klimperte sie nicht auf dem Büchlein in der Tasche? Wie blind auf einer Klaviatur?

Sie wirkte wie benommen, als sie dann das Wasser roch. Am großen Sprung nahm sie mich fest an die Hand. Wir liefen im Gänsemarsch über einen nicht allzu langen, schmalen Grat, Richtung Felsplateau. Das Holzgeländer ging mir bis zum Hals. Ich spürte am warmen Holz die Halsschlagader pochen. Klirrte sie nicht bis in die Schläfe? Zögerlich stellte ich mich auf die Zehenspitzen, reckte den Kopf ein wenig nach vorn und blickte auf einen freien Fall. Gar nicht mehr weit weg von mir. Ich stand am großen Sprung und schaute auf den dunklen Stausee in der Tiefe. Mich überkam ein mulmiges Gefühl. Ein Gefühl, dem ein Schwindel folgen sollte, der einem erfasste und seine Zeit gefangen hielt.

Das Geländer war durchbrochen. Sie setzte einen Fuß auf den zerborstenen Holzriegel, beugte sich gewagt nach vorn und sagte „… na, mit Sicherheit“. Für mich kaum zu verstehen. Klang ihre Stimme nicht so gequält? Schwang nicht diese stille Gewissheit mit, für die eine Andeutung genügen musste?

Mir fiel nicht mehr ein als das Gelächter am namenlosen Lärchenkreuz. Es kam mir höhnisch vor. Aber absurde Gedanken sah sie mir an der Nasenspitze an. Sie zog mich im fahlen Licht vom großen Sprung weg und sagte, mir fiele es ja nun nicht schwer sich was Unnatürliches auszumalen.

Zu vorgerückter Stunde gelangten wir in den Uferbereich. Die zwei Schatten waren verblasst. Wie verwunschen traten diverse gesichtslose Gestalten aus der Dämmerung hervor. Vor meinen Füßen krochen aus dem Nadelboden die verhärmten Arme eines Geköpften herauf. Vermeintlich in kosmischer Langsamkeit.

Dann konnte es nicht mehr weit sein. Denn sie blieb stehen. Mitleidig schaute sie mich an. „Schauerlich, nicht? Was da alles aus der Dämmerung kriecht. Aber herrscht da nicht andererseits auch immer ein Antlitz von Menschlichkeit darin?“ Sie bückte sich, knackste eine der verdürrten Wurzeln an, die ich eben noch für Gliedmaßen eines Unterirdischen hielt. In hohem Bogen flog etwas Tentakelhaftes die Uferböschung hinab. „Weißt‘? Da haust ein voreiliger Angsthase mit schneller Auffassungsgabe in dir.“ Mochte sein. Ich fühlte mich bei meinen Einbildungen ertappt.

Sie summte dann auch noch. Eine Hand in der Manteltasche, trommelte sie auf dem schwarzen Versbüchlein zu einem lautlosen Marsch. Am Lärchenkreuz war ein Gelächter zu hören. Es drang immer vom großen Wasser heran.